Das Wesen der Oma
"Ich werde, was ich kann" - mit diesem Motto hat Paola Rodriguez ihre Bewerbung um ein Stipendium der
Wilhelm-Lorch-Stiftungüberschrieben. Dass das keine leeren Worte sind, stellt sich in einem Gespräch mit der
19-jährigen Peruanerin schnell heraus. Die junge Frau hat für ihr Leben im "Dienst der Mode" ganz klare Vorstellungen.
Seit einem Jahr studiert sie an der Fachhochschule Reutlingen Textildesign mit dem Ziel, einmal ihre eigenen
Kollektionen auf den Markt zu bringen. Über den beschwerlichen Weg an die Spitze der Modewelt macht sich Paola Rodriguez
keine Illusionen. "Aber mit Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen könnten auch die schwierigsten Klippen umschifft
werden", sagt sie, und ihr bisheriger Lebenslauf gibt ihr Recht. Immerhin hat sie am Alexander von Humboldt-Gymnasium
in ihrer Heimatstadt Lima ein deutsches Abitur gemacht und spricht neben ihrer Muttersprache Spanisch fließend Englisch,
Französisch, Italienisch und natürlich Deutsch. Beim Studienstart in Reutlingen wurde Paola vom "Fonds für begabte
Schüler Perus" finanziell unterstützt. Ihre Liebe zur Mode entdeckte die junge Frau schon sehr früh. Als kleines Mädchen,
so ungefähr mit vier Jahren, sei ihre Mutter immer mit ihr ins Kindertheater gegangen. Dort hätten sie nicht so sehr
die Märchen, sondern vielmehr die Puppen interessiert, die sie dann zu Hause nachgezeichnet habe. "Konkret wurden meine
Vorstellungen von Mode, als ich anfing, französische Publikumszeitschriften wie Vogue oder Elle zu lesen", erzählt Paola
Rodriguez. In dieser Zeit "begegnete" sie auch zum ersten Mal ihrem Idol: Coco Chanel. Das Leben und vor allem die Arbeit
der Grande Dame der französischen Mode faszinieren sie noch heute. "Ich betrachte die Frau als Muse", sagt Paola
Rodriguez. Deshalb versuche sie in ihren Entwürfen, Zweierlei zu verwirklichen: Selbstbewusstsein und Eleganz, gepaart
mit Poesie. "Im Prinzip versuche ich so in meinen Entwürfen, das Wesen meiner Oma wiederzugeben", sagt sie. Ihre
Großmutter sei für sie der faszinierendste Mensch überhaupt, da sie Weiblichkeit und Stärke verbinde. Diesem Anspruch
will sie auch in ihrer Prêt-à-Porter-Femme-Kollektion gerecht werden, die jetzt von der Wilhelm-Lorch-Stiftungausgezeichnet
wird. Erstmals wird damit der Förderpreis als Stipendium vergeben, in Form einer monatlichen Unterstützung für die Dauer
von einem Jahr. In Zukunft soll dieses Stipendium jährlich einem Studenten zu Gute kommen. Mit ihrem Förderpreis hat
Paola Rodriguez schon ganz konkrete Pläne. Sie werde mit dem Geld ihre Praktika finanzieren, da international renommierte
Modehäuser wenig oder gar nichts bezahlen. Schließlich ist ihr Traum, im Produktmanagement von Giorgio Armani, Chanel
und Donna Karan Praktika zu machen. Für die Zeit nach dem Studium hat Paola, wie könnte es anders sein, ebenfalls schon
sehr konkrete Pläne. Entweder werde sie in Lima ihre eigene Kollektion auf den Markt bringen oder in einem
internationalen Modeunternehmen als Produktmanagerin oder Chefdesignerin arbeiten - so ihr Wunsch.
Ulrike Beer
TextilWirtschaft 17 vom 27.04.2000
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